Trauer, Schmerz und Rituale
In unserer Gesellschaft erfahren Trauernde immer wieder, dass es als
tapfer gilt, wer seinen Kummer unterdrückt. Tatsache ist, wir können
weder Tod noch Trauer verleugnen. Menschen die solch ein Erlebnis
nicht selbst durchleben mussten, lassen sich gerne zu der Aussage
hinreißen -die Zeit heilt alle Wunden-. NEIN, die Zeit heilt keine
Wunden!
Die Zeit wird irgendwann lebbarer, aber nie mehr wie sie mal war.
Denn dazu fehlt etwas ganz wichtiges, ein geliebter Mensch!
Manchmal geht man einen Weg entlang und man sieht am Ende die
Sonne strahlen, dann wiederum kommen kleine Gassen, die sich als
Sackgasse erweisen. Man steht da und weiß mit seinen vielen Gefühlen
und Gedanken einfach nicht weiter. Die Nächte werden zu einem
Martyrium, denn schlechte Träume lassen aufschrecken und viele
Fragen kommen auf. Fragen, auf die es nie Antworten geben wird.
In vielen Gesprächen und Mail-Kontakten erfahre ich immer wieder,
dass die Trauernden die gleichen Erfahrungen im familiären Umfeld
machen müssen. Die Verstorbenen -auf meiner Webseite sind das
oftmals Kinder-, werden in Erzählungen nicht mehr eingebracht.
Man schweigt sie schlichtweg "tot". Und genau das ist das Problem.
Eltern wollen über ihre Kinder sprechen, sie waren und sind immer
Bestandteil ihres Lebens. Nur wenn sie frei und ohne Scheu über ihre
Gefühle und Sorgen reden können, ist es leichter diesen
Verlustschmerz zu ertragen. Selbstverständlich geht das Leben
weiter, aber es kostet eine Unmenge Kraft. Dabei stoßen viele an
ihre Grenzen, auch an gesellschaftliche.
Hilfe und den richtigen Zuspruch erfahren sie meist in
Trauergruppen. Dort fühlen sie sich verstanden und nicht alleine. In
Gruppen wie diesen, sind Menschen, die solch ein Schicksal erfahren
haben. Sie geben sich gegenseitig Halt und Kraft und dürfen während
der Gruppengespräche über ihre Verstorbenen sprechen und sie
weiterleben lassen. Wegen ihrer Tränen und Gefühlsausbrüche müssen
sie sich hier nicht schämen. Gestorben heißt nicht, dass wir nicht
über diesen Menschen reden dürfen, er war und ist Bestandteil des
Lebens mit all seinen vielfältigen Erinnerungen.
Trauerrituale
Emotional treffen mich Erzählungen, wo Eltern in ihrer Trauer noch
die Kraft aufbringen und ihre toten Kinder eine Weile um sich haben
wollen. Sich die wenige Zeit nehmen die ihnen noch mit dem Kind
bleibt, um es noch mal zu streicheln, zu küssen, es selbst zu
waschen und anzukleiden. Vielleicht sollte hier noch kurz erwähnt
werden, dass sich jeder diese Zeit des "Abschied Nehmens" nehmen
darf. Eine einfühlsame Klinik, Hebamme oder der Bestatter wird
Aufklärung schaffen, denn viele wissen nicht, dass diese Möglichkeit
überhaupt besteht.
Bei einer Familie, mit der ich den Kontakt pflege, gingen die
Eltern sogar so weit, dass sie ihr verstorbenes Baby im Krankenhaus
selbst in die Kühlkammer trugen, es wuschen und ihm sein Strampler anzogen. Sie brachten die Kraft auf mit dem Bestatter zu
sprechen und äußerten den
Wunsch ihren Sohn selbst in den kleinen weißen Sarg zu legen. Diesem
Wunsch folgten das Krankenhaus und der Bestatter. Bevor sie den
Kleinen in den Sarg legten und zudeckten, haben sie ihren Sohn noch
fast 30 Minuten im Arm gehalten und sich mit Küssen verabschiedet.
Von den beiden Geschwistern, wurden Stofftiere als Abschiedsgeschenk
hinzu gelegt. Liebe versetzt Berge.
Die Familie errichtete wie viele andere eine Gedenkseite, (www.ninian-miko-bauer.beepworld.de)
um zu verarbeiten, um zu erinnern und um sich auszutauschen. Als
ich mit der Mutter des Kleinen Ninian sprach, erzählte sie mir,
dass es für sie und ihren Mann ganz wichtig war bis zum Schluss alles für ihren Sohn zu
machen. Sie trösteten sich damit, alles was in ihrer Macht stand getan
zu haben, bis zur letzten Instanz.
Eine andere Geschichte erzählt von einer Mutter die ihre fast
18-jährige Tochter zu Grabe tragen musste, bunte Stifte an den Sarg
legte, damit die Trauergesellschaft einen letzten Gruß auf den Sarg
der Tochter schreiben oder
etwas darauf malen konnte. Den Weg von der Friedhofskapelle bis zum
offenen Grab säumte sie mit Fotos ihrer Tochter und empfand es als
angenehm, die lebendigen Bilder nochmal sehen zu dürfen.
In einem anderen Fall haben die Eltern ihrem tödlich
verunglückten 19-jährigen Sohn in der Aussegnungshalle die
Lieblingsbilder aus seinem Zimmer um den Sarg aufgestellt. Vieles
andere um ihn herum war in seiner Lieblingsfarbe blau ausgeschmückt.
Er sollte sich auf seinem letzen Weg nochmal zuhause und geborgen
fühlen.
Trauerrituale halte ich persönlich für ganz wichtig, jeder wie er
kann und es sich zumutet. Ein gutes Bestattungsunternehmen wird sich
den Wünschen der Hinterbliebenen annehmen, haben Sie Mut und
sprechen über Ihre Wünsche und Vorstellungen.
Text: Daniela Getrost
Zeilen von einem Vater der seine Tochter
durch einen Unfall verlor
Nicole Mistele, das Licht der Welt erblickt am 15.01.1991, zu den
Sternen gereist am 21.08.2008
Es ist Nichts mehr so, wie es mal war.
Man kann sich an Nichts mehr wirklich erfreuen
und die Welt scheint nur noch düster und leer. Man lebt nicht, man
funktioniert, weil Andere es von einem erwarten. Man ist einfach ein
Schauspieler und trägt seine Gefühle nicht nach außen. „Das Leben
geht weiter" wie oft habe ich diesen Satz gehört? Aber wie geht es
weiter?
Menschen, die dieses Schicksal nicht erlebt
haben, können sich nicht in unsere Lage versetzen. Es ist schlimmer
als man es sich in seinen schlimmsten Träumen denkt. Dieser
andauernde Schmerz, das große Verlangen, immer wiederkehrende
Gedanken und Überlegungen lassen dich fast wahnsinnig werden.
Man hat immer noch nicht realisiert, was
geschehen ist. Viele Menschen auf engem Raum kann man kaum noch
ertragen, Dinge die früher wichtig waren, sind so etwas von
unwichtig geworden und man merkt jetzt, was wirkliche „Freunde"
sind. Viele sind doch nur „Bekannte".
Thomas Mistele…in Gedanken an seine geliebte
Tochter Nicole



